Was aus den Bundesligaspielern wurde

Vor dreieinhalb Jahren stiegen die A-Jugend-Handballer der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg in die Eliteliga auf. Viele von ihnen sind dem Verein treu geblieben, andere hat es weggezogen.

Vor drei Jahren und fünf Monaten begann das Unglaubliche: Die männliche A-Jugend der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg war in die Handball-Jugendbundesliga gestürmt. Ein Jahr zählte sie zu den 48 besten Handball-Nachwuchsteams Deutschlands. Bei den Oldenburger Landkreislern kreuzten Top-Adressen wie der THW Kiel, SG Flensburg-Handewitt, SC Magdeburg, HSV Hamburg und die Reinickendorfer Füchse Berlin mit ihrem charismatischen Trainer Bob Hanning auf.

Das lockte die heimischen Fans in Scharen an: 300 Zuschauer im Schnitt wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Damit zählte die Halle am Ammerweg in der Saison 2017/18 zu den am besten besuchtesten Arenen aller vier Jugendbundesliga-Staffeln. „Das war eine geile Kulisse“, schwärmt der Rückraumschütze Kian Krause noch heute. „Für einen Dorfverein war der Riesenaufwand außergewöhnlich“, lobt der Kreisläufer Henk Braun das gesamte Drum und Dran.

5300 Kilometer tourte die Landkreis-HSG selbst durch die Republik, am Ende stieg sie mit 6:38 Punkten aus der Eliteklasse ab. Die sofortige Bundesliga-Rückkehr misslang ihr, da sie in der „Todesgruppe“ mit dem HC Bremen und dem BSV Magdeburg nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz haarscharf in der Qualifikationsrunde scheiterte. Das Jahr in der Oberliga schloss das weitestgehend aus einem Jahrgang bestehende Team des Trainergespanns Stefan Buß/Andreas Müller als Vizemeister ab. „Für das Bundesligaerlebnis hat sich der Aufwand gelohnt“, betont Simon Schreiner. Der damalige Schlussmann aus Lohne war pro Trainingseinheit bis zu eineinhalb Stunden mit dem Zug (einfache Tour) angereist. Bei mindestens drei Trainingseinheiten die Woche stellte alleine das schon für ihn eine gewaltige Hausnummer dar. „Zum Glück hatte ich erst im Jahr danach meine Abiturprüfungen“, blickt er heute zurück. Neben ihm nahmen Tilman Dehmel (Barnstorf), Piet Gerke (Wildeshausen), Mirko Reuter (Neerstedt) sowie die beiden Bremer Thorben Knop und Niklas Kowalzik weite Wege in Kauf. Das Gros des Teams kam jedoch von der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg oder aus der näheren Umgebung.

Wo sind die 19 Spieler geblieben? Was ist aus ihnen und ihren sportlichen Träumen nach dem altersbedingten Sprung in den Männerbereich geworden? Drei von ihnen spielen heutzutage viertklassig, neun in der Landesliga, vier in der Landesklasse und drei haben die Handballschuhe vorerst ausgezogen.

Kern bleibt der HSG treu
Mit Jan Kinner, Jona Schultz, Bennet Krix, Carsten Jüchter, Norman Lachs, Nico Hennemann und Sebastian Latz sind sieben Akteure der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg treu geblieben. Sie zählen dort zum Kader der ersten Mannschaft in der Landesliga. „Ich spiele mit einigen seit zehn Jahren zusammen, da sind viele Freundschaften entstanden“, erklärt der Kreisläufer Norman Lachs, weshalb er höherklassigen Angeboten widerstanden hat. „Wir können hier als junge Spieler viele Einsatzzeiten sammeln und uns frei entwickeln“, fügt er hinzu. Der mit seinen Spielern aufgerückte HSG-Trainer Stefan Buß sieht im Verbleib der sieben Akteure mehrere Vorteile: „Sie haben einen gewaltigen Verjüngungsprozess eingeleitet und bieten dem Team eine gute Perspektive. Außerdem können sich die Zuschauer mit unseren Eigengewächsen sehr gut identifizieren“, ist er überzeugt. Für ihn ist es mindestens ebenso wichtig, dass sich Bennet Krix, Jona Schultz, Norman Lachs und der Schlussmann Jan Kinner bereits zu Leistungsträgern entwickelt haben. „Alle haben mir auch für die Saison 2021/22 zugesagt. Meine Mannschaft hat die Qualität, in der Landesliga oben mitzuspielen“, blickt Stefan Buß in Richtung Verbandsliga.

Sein Linksaußen Bennet Krix sammelte bereits im zweiten A-Jugend-Jahr Oberliga-Erfahrung bei den Männern des TV Cloppenburg. „Ich wollte einmal ausprobieren, wie es woanders ist“, erklärt er. Die Liga und die große Zuschauerkulisse trugen ein Übriges zu seiner Neugierde bei. Der Rechtshänder musste sich in Cloppenburg jedoch auf seiner Position mit erfahrenen Haudegen messen: Jannis Koellner spielte früher bei der SG Flensburg-Handewitt in der 1. Liga, Vincent Saalmann beim ASV Hamm in der 2. Liga. „Ich habe aus dem Training einiges mitgenommen, wollte aber auch spielen“, schildert Bennet Krix sein damaliges Dilemma. Sein anschließend geplanter Wechsel zum VfL Edewecht platzte, weil sich die Ammerländer mangels Geld aus der Oberliga zurückgezogen hatten. Weitere Angebote schlug er aus und kehrte zu seinem Heimatklub zurück. Bennet Krix ist mittlerweile der Teamkapitän der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg und möchte mit ihr aufsteigen. „Mittelfristig möchte ich wieder in die Oberliga, am liebsten mit Bookholzberg“, gibt er sein Ziel bekannt.

Kian Krause und Henk Braun sind aus der ehemaligen Bundesliga-Truppe diejenigen, die zurzeit am höchsten spielen. Beide laufen beim Oberligisten TSG Hatten-Sandkrug auf. Braun hatte dort bereits im zweiten A-Jugend-Jahr per Doppelspielrecht angeheuert, Krause spielte zur gleichen Zeit zunächst mit Krix in Cloppenburg. Da Krause beim TVC aber nur einmal die Woche mittrainieren konnte – in den übrigen Einheiten war er bei der Grüppenbührener A-Jugend –, gelang ihm der Anschluss beim TVC nicht ganz. „Ich wollte so hoch wie möglich spielen. Und da in Grüppenbühren ohnehin noch kein Trainer feststand, hatte ich mich dann für Hatten-Sandkrug entschieden“, blickt Krause zurück. Er hat die Umstellung auf das deutlich körperbetontere Spiel geschafft und warf in den ersten beiden Spielen der aktuell unterbrochenen Saison insgesamt fünf Tore. Damit rangiert er in der internen Trefferstatistik der TSG auf dem dritten Platz. In der Saison 2019/20 traf Krause in 17 Partien 39-mal ins Schwarze.

Erfahrung in der Oberliga
Henk Braun musste sich erst mal daran gewöhnen, dass er bei den Männern am Kreis von ganz anderen Brocken beackert wird als noch in der Jugend. „Ich treffe auf Abwehrspieler, die mich mit einem Arm festhalten können. Da war es zunächst schwer, sich reinzufinden“, gibt er zu. Er hat seinen Weg gefunden, wobei ihm seine Vielseitigkeit hilft. Denn wenn die TSG mit zwei Kreisläufern spielt, ist er immer häufiger mit dabei. Auch als vorgezogener Abwehrspieler oder als an den Kreis einlaufender Außen ist Henk Braun eine taktisch gute Option. Das bringt ihm im Schnitt etwa 15 bis 20 Minuten Einsatzzeit. „Ich fühle mich in der Oberliga wohl, körperlich kann ich zurzeit nicht höher spielen“, meint er. Nichtsdestotrotz wäre für ihn irgendwann der Sprung in die 3. oder 2. Liga „ein Traum“.

Nils Wehrheim war zwar am Bundesliga-Aufstieg beteiligt gewesen, er konnte den Erfolg aber nicht auskosten. Denn es verschlug ihn kurz nach dem Saisonstart für einige Zeit nach Australien, zuletzt spielte er für die HSG Hude/Falkenburg in der Landesklasse. Tilman Dehmel führte die Aufnahme eines dualen Studiums im zweiten A-Jugend-Jahr nach Stuttgart, wo er bei JANO Filder eine weitere Saison in der Jugendbundesliga auflief. Als das Studium zeitintensiver wurde und er beruflich zwischen Stuttgart und Bremen pendeln musste, spielte der Kreisläufer bei den Männern der HSG Ostfildern (Bezirksklasse). Oder eben per Zweitspielrecht beim Oberligisten HSG Barnstorf/Diepholz, wenn es für ihn gen Bremen ging. Aktuell hält er sich bei der HSG Ostfildern fit. Der Linksaußen Sönke Harfst ging zu seinem Jugendklub HSG Hude/Falkenburg zurück, um mit ihm den Landesliga-Aufstieg zu schaffen. Der Sprung nach oben misslang, trotz Angeboten zweier Oberligisten blieb er dem Landesklasse-Team treu. „Meine Zukunft ist nach meinem Studiumsende im Oktober dieses Jahres noch offen“, sagt der angehende Polizeikommissar. Wenn die geklärt sei, dann würde er gerne in einem Oberliga-Team spielen.

Piet Gerke wechselte nach dem Abstieg zum HC Bremen und spielte dort ein weiteres Jahr in der Jugendbundesliga. Parallel dazu erhielt er ein Doppelspielrecht für den Männer-Oberligisten HSG Barnstorf/Diepholz. Mit der Aufnahme seines Studiums (Bauingenieurwesen) in Aachen ging der Spielmacher für den Oberligisten HC Weiden II an den Start. In der aktuellen Saison sollte es für ihn im ersten Team des HCW in der Regionalliga Nordrhein weitergehen, doch daraus wurde aufgrund der Corona-Unterbrechung vorerst nichts.

Simon Schreiner spielte zunächst bei der HSG Barnstorf/Diepholz in der Oberliga, danach bei deren Reserve in der Verbandsliga, bevor er seine aktive Laufbahn verletzungsbedingt beendete. Er ist mittlerweile Co-Trainer bei den Landesklasse-Frauen von SFN Vechta und kümmert sich dort vor allem um das Torwarttraining.

Der Rückraumspieler Niklas Kowalzik schloss sich zunächst dem Verbandsligisten ATSV Habenhausen II an und war dort drittbester Feldtorschütze des Teams. „Ich war seit der C-Jugend immer unterwegs. Einen knapp vierstündigen Trainingsaufwand pro Einheit wie zuletzt beim ATSV wollte ich nicht mehr betreiben“, verrät er. Deswegen schloss er sich im September des vergangenen Jahres dem Landesligisten SV Grambke-Oslebshausen an, „dessen Trainingshallen ich mit dem Fahrrad erreichen kann“. Nebenbei zockt der blonde Schlaks an der Playstation-Konsole Fifa (Fußball) und stand beim Drittligisten SV Meppen unter Vertrag. Am vergangenen Montag spielte der Lehramtsstudent die Champions-League-Qualifikation für Einzelspieler und schmiss dort einen E-Bundesliga-Spieler von Borussia Mönchengladbach aus dem Wettbewerb. Danach schied auch er aus.

Pause bis Beach-Nationalteam
Der Linkshänder Mirko Reuter kehrte direkt nach dem Bundesliga-Abstieg zum Oberliga-Absteiger TV Neerstedt zurück. „Mir hatten auch zwei Angebote aus der Oberliga vorgelegen. Da ich aber als Landwirt beruflich sehr eingeschränkt bin, hatte ich mich für den TVN entschieden“, klärt er auf. Zuletzt war dort Andreas Müller, einer der beiden damaligen Grüppenbührener Bundesliga-Trainer, sein Coach. Anfang 2020 verordnete sich Reuter aufgrund einer Schulterverletzung und gestiegener beruflicher Anforderungen eine Handballpause.

Torben Knop hatte das Team nach dem Bundesliga-Abstieg verlassen und aufgrund einer Armverletzung eine Hallenpause eingelegt. Im Sommer 2018 wurde er mit der U18-Nationalmannschaft Beachhandball-Europameister, aktuell kämpft er in der Männer-Nationalmannschaft um einen Platz im Kader für die Europameisterschaft im Sommer dieses Jahres im bulgarischen Varna. In der Halle steht er bei der SG Findorff in der Landesklasse im Tor.

Ebenso wie Knop legte auch Jaime Lippe direkt nach dem Abstieg eine Handballpause ein. „Mir hatte einfach die Motivation gefehlt“, gibt er zu. Also hielt er sich zunächst individuell fit, bevor er die Sportart wechselte und bei der zweiten A-Jugend des Blumenthaler SV in der Landesliga Bremen Fußball spielte. „Ich war ja durch die Bundesliga körperlich noch sehr gut drauf und hatte in meiner Freizeit viel privat gekickt“, erklärt Lippe seinen Sinneswandel. Seit der noch nicht begonnenen Saison 2020/21 spielt er wieder Handball: beim zweiten Team der HSG Schwanewede/Neuenkirchen in der Landesliga. „Ich muss ja auch nach zwei Jahren Pause erst einmal wieder reinkommen. Insgesamt strebe ich die Oberliga an“, gibt er zu verstehen.

Der Linksaußen Thies Kügler hat die Handballschuhe vorerst ausgezogen. Er möchte sich in Wilhelmshaven voll seinem dualen Studium widmen. „Sobald es sich zeitlich und ortsmäßig vereinbaren lässt, werde ich bestimmt wieder starten“, betont er.

Das langjährige Zusammenspiel, vor allem aber das gemeinsame Jahr in der Jugendbundesliga hat das damalige Team der HSG Grüppenbühren/Bookholzberg zusammengeschweißt. Noch heute halten viele Spieler über die verschiedensten sozialen Medien miteinander Kontakt. Außerdem laufen Akteure wie Simon Schreiner, Sönke Harfst, Niklas Kowalzik, Kian Krause, Piet Gerke und Henk Braun einmal im Jahr gemeinsam bei Beachhandball-Events auf. Der im Sommer des vergangenen Jahres geplante Auftritt in Cuxhaven-Duhnen war allerdings coronabedingt ausgefallen. „Jetzt hoffen wir auf einen Start in diesem Jahr“, sagt Simon Schreiner.

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